Ganz nah dran

Der Nationalsozialismus wurde in einer Vielzahl an Filmen umfassend behandelt. Die Bandbreite reicht von historischen Dokumentationen bis hin zu satirischen Filmen wie „Der große Diktator“. Doch zwei deutsche Filme der jüngeren Geschichte stechen aus dieser Masse heraus.

Die meisten Filme, die sich mit dem nationalsozialistischen Regime auseinander setzen, umkreisen die Thematik, indem sie die Auswirkungen des Regimes zeigen: Die Verfolgten und Unterdrückten, die Konzentrationslager, die Menschen im Widerstand und die Repressionen gegen sie. Das hat seinen Grund: Die Geschichte der Opfer zu erzählen, und den TäterInnen so wenig Raum wie möglich zu lassen, ist keine dramaturgisch-künstlerische Entscheidung, sondern eine politische. Dadurch wird ein anderes – und realistischeres Bild – gezeichnet, als wenn eine Geschichte durch die Augen der TäterInnen betrachtet wird.

Genau dieser Konsens in der Betrachtungsweise wird von Der Untergang (2004, Regie: Oliver Hirschbiegel) gebrochen. Es ist nicht der erste Film, der das tut – als frühes Beispiel sei hier Hitler (1962, Regie: Stuart Heisler) genannt. Trotzdem nimmt er eine Sonderstellung ein, da die mediale Aufmerksamkeit und die Aufwändigkeit der Produktion enorm waren. Der Anspruch der Produktion lässt sich bereits an der Vorlage für das Drehbuch erkennen: Unter anderem basiert der Film auf den Erinnerungen von Traudl Junge, die Sekretärin für Hitler im Führerbunker war. Ihr Blick auf die Geschehnisse ist ein Blick, der die Opfer nicht sieht.

Und das wirkt sich auf den Film aus: Es ist ein Spielfilm mit klassischem Aufbau – es gibt Widerlinge, es gibt MitläuferInnen, es gibt HeldInnen. Aber ausnahmslos alle Figuren (StatistInnen ausgenommen) gehören dem NS-Regime an. Jüdinnen oder Juden sind in Der Untergang weder zu sehen, noch wird über sie gesprochen (bis auf einen Satz). Die Opferperspektive existiert schlicht und einfach nicht.

Ein weiterer Aspekt, in dem sich der Film von den meisten anderen unterscheidet, die dieses Thema behandeln: Hitler. So nah wie hier bewegt sich kaum ein anderer Film an die Person Hitlers heran. Er wird gezeigt, wie er seinen Hund streichelt, wie er sich weigert, die Niederlage Deutschlands im Krieg anzuerkennen. Er wird gezeigt, wie er Orden an Soldaten und Giftkapseln für den Fall einer Niederlage an seine MitarbeiterInnen verteilt.

Die Geschichte erzählen, nicht kommentieren“ (Bernd Eichinger)

Und hier liegt die Kernproblematik von Der Untergang. Dieser Film erhebt für sich ganz klar den Anspruch des Realismus. „Die letzten 12 Tage des deutschen Reiches“ lautet der Untertitel, der auf der DVD-Hülle zu lesen ist. Gleichzeitig weigert er sich, Stellung zu beziehen. Er bildet ab, er wertet nicht. Die Geschehnisse entfalten sich vor der Betrachterin, aber Aussage gibt es keine. Der Versuch von Regisseur Oliver Hirschbiegel und Produzent Bernd Eichinger, ein letztgültiges Dokument, quasi eine absolute Referenz für die Geschehnisse zu schaffen, muss scheitern, weil er einem Irrtum erlegen ist: Auf den Nationalsozialismus kann es keinen neutralen Blick geben, und erst Recht keinen, der die Opfer ausblendet. Auch der Versuch, Hitler „realistisch“ darzustellen, ist ein Versuch, fassbar zu machen, was nicht fassbar ist.

„Ich will diesen zynischen, psychisch verwahrlosten Menschen nicht die Ehre einer realistischen Darstellung gewähren“ (Dany Levy)

Ebenfalls sehr nahe an der Person Adolf Hitler bewegt sich Mein Führer (2007, Regie: Dani Levy). Doch es gibt zwei wesentliche Unterschiede: Zum ersten handelt es sich hier um Satire, zum anderen gibt es hier eine Darstellung der Opfer – durch den Schauspiellehrer Hitlers, Adolf Grünbaum. Die „wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“, die Der Untergang für sich in Anspruch nimmt, wird hier schon im Untertitel persifliert. Und dadurch, dass Mein Führer gar nicht erst den Anspruch erhebt, historisch korrekt zu sein, werden Betrachtungen auf das faschistische Deutschland möglich, die den Kern der Sache vielleicht genauer treffen als jede „realistische“ Darstellung.

Der Kern von Satire ist es, Dinge zu überspitzen, zu übertreiben. So werden alle Nationalsozialisten ausnahmlos als lächerliche Figuren dargestellt – von Hitler über Goebbels bis hin zu einfachen Soldaten. Dieser Ansatz ist natürlich diskutabel. Neben hintergründigen Scherzen gibt es auch zahlreiche billige Kalauer, wie den ins lächerliche gezogenen Hitlergruß, der von allen Nazis ausgiebig und ununterbrochen ausgeführt wird. Der entscheidende Punkt aber ist: Die Verbrechen der Nazis werden nicht ausgeblendet. Die Konzentrationslager werden ebenso thematisiert wie die Ermordung der Jüdinnen und Juden in den Gaskammern. Und gerade durch diese Gegenüberstellung erzielt Mein Führer seine Wirkung. Die Unfassbarkeit des Holocaust und des Nationalsozialismus, die 

Blick zurück nach vorn

Der Vergleich dieser beiden Filme zeigt, dass eine rein deskriptive Betrachtung von Ereignissen, ohne die Hintergründe und die Konsequenzen mit einzubeziehen, immer zu kurz greift – im Falle des deutschen Faschismus jedoch ganz besonders. Das gilt nicht nur für Der Untergang – dieser ist stellvertretend für zwei grundlegende Darstellungsweisen zu sehen. Der demnächst anlaufende Film Walküre über das Stauffenberg-Attentat dürfte beispielsweise einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Aus einer solchen Betrachtung der Geschehnisse lassen sich keine Schlüsse und keine Ableitungen für das eigene Handeln ziehen, was gerade bei diesem Thema, und gerade heute, da zunehmend die Meinung herrscht, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sei abgeschlossen, unverzichtbar ist.

Jakob Scholz studiert Theater-, Film-, und Medienwissenschaft